„Für das nächste Jahr wünsche ich dir 10 Kilo weniger auf der Waage.“
Kein Gutschein. Keine Blumen. Kein liebevoll gemeinter Wunsch nach Gesundheit. Einfach zehn Kilo weniger.
Genau das hat der Vater meiner Klientin Anke an ihrem Geburtstag zu ihr gesagt.
Vielleicht war seine Absicht sogar eine gute. Vielleicht wollte er sich um sie sorgen oder sie motivieren. Doch was bei Anke ankam, war etwas völlig anderes:
„So wie ich bin, bin ich nicht richtig.“
Ein einziger Satz kann sich tief in unser Inneres eingraben. Vor allem dann, wenn er von einem Menschen kommt, dessen Meinung für uns wichtig ist. Worte werden dann nicht nur gehört – sie werden zu Überzeugungen über uns selbst.
Als Anke zu mir ins Coaching kam, lag dieser Geburtstag viele Jahre zurück. Die Verletzung jedoch war geblieben.
„Ich weiß doch eigentlich, wie Abnehmen funktioniert.“
Anke hatte unzählige Diäten ausprobiert. Sie kannte Ernährungspläne, Kalorienrechner und jede neue Methode, die versprach, endlich dauerhaft schlank zu werden.
Das Wissen war nicht ihr Problem. Immer wieder nahm sie erfolgreich einige Kilo ab. Und dann geschah jedes Mal dasselbe: Sie begann wieder mehr zu essen. Die Motivation verschwand. Das Gewicht stieg erneut.
Sie sagte irgendwann zu mir: „Ich verstehe mich selbst nicht. Es ist, als würde ich mich kurz vor dem Ziel selbst ausbremsen.“
Viele Menschen erleben genau dieses Gefühl. Sie wissen, was sie tun müssten. Sie wollen sich verändern. Und trotzdem scheint etwas in ihnen konsequent dagegen zu arbeiten.
Oft wird das als mangelnde Disziplin interpretiert. Doch aus psychologischer Sicht steckt häufig etwas ganz anderes dahinter.
Wir bestehen nicht nur aus einer Persönlichkeit
In der Psychologie gibt es verschiedene Modelle, die davon ausgehen, dass wir nicht nur „eine“ Persönlichkeit besitzen, sondern aus unterschiedlichen inneren Anteilen bestehen. Das Konzept der inneren Anteile ist ein anerkanntes Arbeitsmodell, das in verschiedenen psychotherapeutischen und Coaching-Ansätzen verwendet wird, zum Beispiel in der Ego-State-Therapie oder der Schematherapie. Es beschreibt keine tatsächlich getrennten Persönlichkeiten, sondern unterschiedliche emotionale und motivationale Zustände oder Persönlichkeitsaspekte.
Vielleicht kennst du Situationen wie diese: Ein Teil von dir möchte endlich regelmäßig Sport machen. Ein anderer Teil möchte einfach nur auf dem Sofa liegen. Ein Teil freut sich auf Veränderungen. Ein anderer bekommt sofort Angst.
Oder du kennst den Gedanken: „Ich will das wirklich.“ Und wenige Minuten später: „Ach egal. Morgen fange ich an.“
Das ist kein Zeichen dafür, dass mit dir etwas nicht stimmt. Es zeigt vielmehr, dass verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig in dir aktiv sind. Diese inneren Anteile entstehen im Laufe unseres Lebens. Sie entwickeln sich aus Erfahrungen, Beziehungen und Situationen, in denen wir lernen mussten, mit bestimmten Gefühlen umzugehen.
Viele dieser Anteile übernehmen wichtige Aufgaben: Ein Anteil sorgt dafür, dass wir vorsichtig sind. Ein anderer motiviert uns. Ein weiterer versucht, Konflikte zu vermeiden. Und manche Anteile übernehmen eine Schutzfunktion.
Sie entstehen häufig nach schmerzhaften Erfahrungen und wollen verhindern, dass wir diesen Schmerz jemals wieder erleben müssen.
Der innere Saboteur ist eigentlich ein Beschützer
Bei Anke zeigte sich genau so ein Schutzanteil. Oberflächlich sah es aus, als würde sie sich beim Abnehmen selbst sabotieren. Doch als wir genauer hingeschaut haben, wurde deutlich: Dieser Anteil kämpfte überhaupt nicht gegen Gesundheit. Er kämpfte gegen alte Verletzungen.
Denn tief in seinem Erleben bedeutete Gewichtsabnahme etwas völlig anderes: Wenn Anke jetzt abnehmen würde … dann hätten die Menschen recht gehabt, die ihr vermittelt hatten, sie sei zu dick. Dann wäre der verletzende Geburtstagssatz ihres Vaters nachträglich bestätigt worden. Dann wäre aus Sicht dieses Anteils die Botschaft wahr geworden:
„Du musst dich verändern, damit du liebenswert bist.“
Für diesen inneren Anteil war das unerträglich. Also tat er alles, um genau das zu verhindern. Nicht aus Bosheit, sondern aus Loyalität. Er wollte Anke schützen.
Warum solche Schutzmechanismen oft jahrzehntelang bleiben
Unser Gehirn speichert emotionale Erfahrungen besonders intensiv. Vor allem dann, wenn sie mit Scham, Ablehnung oder Angst verbunden sind.
Was damals sinnvoll war, kann Jahrzehnte später jedoch immer noch automatisch ablaufen. Das Gehirn unterscheidet nämlich nicht besonders gut zwischen damaliger und heutiger Realität.
Wenn ein Schutzmechanismus einmal gelernt wurde, arbeitet er oft weiter, obwohl die ursprüngliche Gefahr längst nicht mehr besteht.
Man könnte sich das vorstellen wie einen Bodyguard, der vor vielen Jahren engagiert wurde: Damals hatte er einen wichtigen Auftrag. Heute steht er immer noch vor der Tür. Er lässt aber inzwischen sogar die Menschen nicht mehr hinein, die eigentlich helfen möchten.
Warum Willenskraft allein nicht ausreicht
Deshalb erleben viele Menschen beim Abnehmen einen inneren Kampf: Ein Teil möchte gesund leben. Ein anderer Teil zieht mit voller Kraft in die entgegengesetzte Richtung.
Versuchen wir nun ausschließlich mit Disziplin gegen diesen Schutzanteil anzukämpfen, fühlt sich das für ihn wie ein weiterer Angriff an. Je stärker wir drücken, desto stärker hält er dagegen.
Deshalb funktionieren viele Diäten kurzfristig. Langfristig gewinnt jedoch oft der Anteil, dessen wichtigste Aufgabe Schutz ist.
Was bedeutet Integration innerer Anteile?
In meiner Arbeit geht es deshalb nicht darum, den inneren Saboteur loszuwerden. Denn jeder Anteil verfolgt – aus seiner Sicht – eine positive Absicht.
Stattdessen lernen wir ihn kennen. Wir fragen: „Wovor möchtest du mich schützen? Was hast du damals erlebt? Was brauchst du heute?“
Allein dieses Verständnis verändert bereits sehr viel. Denn innere Anteile möchten gesehen und ernst genommen werden. Sie wissen häufig noch nicht, dass die Gefahr von damals nicht mehr besteht, sondern dass heute ein erwachsener Mensch die Führung übernommen hat.
Integration bedeutet deshalb nicht, einen Anteil zu beseitigen, sondern ihn in das innere Team aufzunehmen. Aus einem Saboteur wird Schritt für Schritt ein Unterstützer.
Frieden statt Kampf
Anke musste am Ende nicht gegen sich selbst gewinnen. Sie musste verstehen, warum ein Teil von ihr so lange gegen jede Gewichtsabnahme gekämpft hatte.
Als dieser Anteil spürte, dass Anke heute nicht mehr das verletzte Kind von damals war, sondern eine erwachsene Frau, die sich selbst schützen konnte, verlor er nach und nach seine alte Aufgabe.
Das machte den Weg frei, damit sie ihr Essverhalten nach und nach heilen konnte. Weil nicht nur der Gewichtsverlust im Vordergrund stand, sondern etwas viel Wertvolleres: Selbstannahme.
Denn nachhaltige Veränderung entsteht selten aus Selbstkritik. Sie entsteht dort, wo wir beginnen, uns selbst zu verstehen.
Vielleicht erkennst du dich darin wieder
Wenn du immer wieder das Gefühl hast, dich selbst auszubremsen, lohnt es sich, eine andere Frage zu stellen.
Wenn du magst, kannst du dir selbst die folgenden Fragen zur Reflektion stellen:
- Gab es in meinem Leben Sätze, die ich bis heute mit mir herumtrage?
- Welche Botschaften habe ich über meinen Körper gelernt?
- Wenn mein Essverhalten eine gute Absicht hätte – welche wäre das?
Wenn du magst, schreibe mir deine Erkenntnisse gerne per Mail. Ich freue mich über deine Nachricht!



















